Karl Jakob Hirsch
1892 - 1952
Kaiserwetter
1931
Dritter Teil
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Die Toten stehen auf
Misburger Damm 187 ist kein schönes Haus. Ein Kasten aus gelben Backsteinen in hannoverscher Gotik.Drinnen sitzt es trübe und wartet auf das Ende, spuckt und kratzt sich, vegetiert, ißt, trinkt, schläft sehr kurz und gibt von sich. Das ist das Alter, das ehrwürdige, welches die Menschen verehren ...Ehre Vater und Mutter“ oder Das Menschenleben währet siebenzig Jahre...“ und ähnliche Sprüche hat der Architekt im Treppenhause verewigt.Es riecht nach Urin und Caritas hier, nach Muffigkeit und Übelwollen, nach Haß, Habgier, Neid, kurz, nach allem Bösen, was die Menschen ersinnen und leisten können...Der alte Geffken hatte nun Jahre hindurch hier gesessen im Altersheim, hatte ungezählte Nächte schlaflos gelegen und war mit einem Male verschwunden. Und mit ihm sein Freund Dirk Tegtmeyer.Determann... ich eröffne gegen Sie ein Disziplinarverfahren, wenn diese verdammten Bettnässer nicht gefunden werden. Sie hatten doch Nachtdienst... Sie sind verantwortlich...“Der Inspektor Prien schlug mit seiner roten Faust auf den Tisch; der Wärter Determann kratzte sich die Glatze.Tja, Herr Inspektor, da kann ich auch nicht für... da bin ich gestern abend auf dem Gang gestanden... und wie der olle Geffken so um halb zehne aufs Klosett geht... tja... da hab ich ihn angeschnauzt, aber was soll ich machen, ich hab ja mehr zu tun, als mich davor aufzupflanzen und zu warten, bis der fertig is...“Prien ist außer sich. Er läßt sich erst mal ein Bier kommen, dann wischt er sich den Schaum vom Mund und macht Recherchen. Deubel noch mal“, brüllt er, so 'ne verdammte Schweinerei... aufm Präsidium sagen die mir, ich soll gefälligst aufpassen... und ihr Kerls... ihr Jammerlappen... ihr... steht da rum und tut nichts.“ Determann, Hentschel, Ollndorf, Schlaub, Mackensen und Lapp, die Wärter und Aufseher, ließen die Köpfe hängen, sagten: Tscha und wieso denn.“Geffken und der etwas jüngere Tegtmeyer hatten sich durchs Klosettfenster in den Garten gearbeitet und saßen nun bei Kaffee und Kuchen bei der Witwe Kraul in der Hildesheimer Straße. Tegtmeyer kannte die Kraul, bei der Mädchen wohnten, die nachts zu tun hatten.Angestrengt hatte es die beiden ja mächtig, so durchs enge Fenster; dann die Aufregung und die Angst. Na, nun war man glücklich bei Mutter Kraul gelandet.Dirk war ein Mordskerl. Der dachte Tag und Nacht an nichts anderes als an Flucht. Zuerst wollte er sogar Determann niederschlagen, aber das wollte Geffken nicht, dazu war er nicht ehrlich als Müller durchs Leben gekommen oder besser gesagt auf den Hund, um noch solche Sachen zu machen.Und so wurde das mit dem Klosettfenster bewerkstelligt. Eigentlich war es riskant, denn unten auf dem Hofe war ja der Hund, der olle Köter, das Mistvieh... aber Dirk hatte herausbekommen, daß das Aas läufig war, und hatte es dann losgemacht. Verdammt hoch saß das Fenster! Und wenn Dirk nicht gewesen wäre, dann hätte es auch nicht geklappt. Auf der Straße war es ganz leer, aber Dirk lief, als ob einer hinterher sei... und dann haben sie sogar eine Droschke genommen... und nun sind sie bei Mutter Kraul gelandet...Schlecht war es ja auch nicht im Heim gewesen, das konnte er nicht behaupten... aber er wollte wieder nach Hause in seine Mühle... verdammt noch mal... und so 'n Unmensch würde Gesine auch nicht sein...und den alten Vater wieder zurückschicken. War doch seine Deern!...Gerührt und zitterig schlürfte der alte Geffken seinen Kaffee.Tegtmeyer sagte: Das dümmste ist es, nun dahin zu gehen, wo die suchen... erst mal hübsch hierbleiben.... bis sich die Sache gelegt hat.“Die beiden Alten wollten gemeinsam in die Mühle... jedenfalls wollte Geffken zurück... um jeden Preis. Tegtmeyer sollte als Verstärkung mit. Aber wieweit Dirk zuverlässig war, sollte sich erst herausstellen. Während die Gendarmerie, die Polizei, die Landräte und Bahnhofsposten in der Provinz den Steckbrief der beiden Ausreißer bekamen, saßen sie bei Mutter Kraul. Die hatte ihnen die gute Stube hergerichtet, sagte den Damen, das seien ihr Bruder und Schwager, und ließ die Alten umherschlurfen....Das ging so vierzehn Tage bis drei Wochen.Die Damen waren wenig begeistert von den beiden spuckenden Alten. Besonders Geffken hatte die schlechte Gewohnheit, immer in der Ecke zu sitzen und leise vor sich hin zu röcheln. Dabei hielt er seinen Bruch fest, krächzte und hustete. Dann stand er auf, tappte zum eisernen Kanonenofen, öffnete die Klappe und spuckte seinen Auswurf hinein. Zisch... machte es auf den glühenden Kohlen...Die Damen sagten: Igittigitt...“Tegtmeyer wälzte tagelang Kursbücher, als ob es nach Amerika gehen sollte. Du lieber Gott... dazu waren sie zu alt. Aber Dirk war ein gründlicher Mensch. So waren alle aus Lübberstedt (dieser Menschenschlag mußte sicher noch einmal einen ganz bedeutenden Mann hervorbringen). Dirk hatte ja noch Verwandte dort, aber die kümmerten sich gar nicht um ihn, die hatten ihn eingekauft, und damit basta.Frau Kraul wollte die Alten gern loswerden. Erstens wegen ihrer Damen, die sahen es nicht gerne, besonders wenn so etwas passierte wie gestern, wo Dirk unten in der Wirtschaft gekümmelt hatte und strahlbesoffen heraufpolterte und in die Kammer von Irma wollte, die gerade Besuch hatte.Du lieber Gott... das konnte Dirk ja nicht wissen... denn es war heller Mittag... aber der Herr, der bei Irma war, befand sich auf der Durchreise und hatte wenig Zeit...Da gab es Krach. Der Herr ging, ohne zu zahlen, und drohte mit der Polizei, und Irma, das beste Mädchen des Kraulschen Unternehmens, war gewillt wegzugehen.Nee... nee... meine Herren, Sie müssen fort.“Mutter Kraul war in erster Linie Geschäftsfrau...Es war ein häßlicher Wintertag, als Dirk und Geffken abzogen. Viel Wehmut gab es nicht im Hause Kraul; die Barschaft der beiden Ausreißer betrug nur noch zweiundvierzig Mark und fünfzig Pfennige. Gepäck hatten sie nicht; Mäntel hatte ihnen die Kraul bei einem Althändler in der Roten Reihe besorgt, das waren keine Staatsstücke, gewiß nicht, aber sie wärmten.Unten im Bahnhof sagte Dirk: Nu man vorsichtig... zusammen können wir nich durch die Sperre.“Also kaufte Dirk die Billetts, drückte Geffken eine graue Karte in die Hand und sagte: Geh man vor... ich komm rauf... finde dich schon..."Geffken geht auf den Bahnsteig; ihm ist sehr schlecht. So allein, und die Beine wollen nicht mehr, und das Geld hat Dirk... um Gottes willen!Geffken zittert vor Aufregung; wenn Dirk nun nicht wiederkommt?Na... Opa“, sagt eine Frau, komm man mit...“Sie nimmt ihn und setzt ihn in den Zug. Wo ist Dirk?Die Leute verstehen den alten Geffken sehr schwer, er redet Bremer Platt, scheppert mit der Stimme und macht einen kranken Eindruck.Geffken kauert auf seiner Bank. Denkt: Du lieber Gott, was soll ich nun machen? Da kommt Dirk, stämmig und sicher. Na, Alter“, sagt er, steigt aber nicht in den Zug, er schielt nur so komisch nach dem Bahnsteig 3 hin, wo ein anderer Zug steht. Geffken krächzt:Komm doch... Dirk... steig doch ein...!“Aber Dirk Tegtmeyer denkt nicht daran, er sagt:Paß auf, daß mein Platz nicht besetzt wird... ich muß mal...“ und geht auf die Bretterbude zu. Geffken regt sich schrecklich auf, als der Schaffner die Tür schließt... er stottert was von Dirk... und das ginge nicht, aber die Leute sagen: Laß man, Opa... der kommt schon wieder...“Dirk kommt nicht, Geffken ist verzweifelt.Der Zug fährt an, Dirk ist nicht da. Da sitzt Geffken und weint vor sich hin. Aber Dirk knöpft sich gerade das Beinkleid zu, als der Zug an der Bretterbude vorbeifährt. Er feixt und macht mit seiner Hand eine winkende Bewegung gegen den Zug hin. Dann stelzt er zufrieden auf Bahnsteig 3 und steigt in den Zug nach Lübberstedt...Geffken sitzt im Zuge und fährt; was soll nun werden? Geld hat er keines mehr, und Gesine wird ihn sicher wieder nach Hannover bringen.Er hat sich das so leicht gedacht, so zu zweien anzukommen. Dirk. würde schon reden für ihn, das war ja ein Staatskerl... und nun war er nicht da... Du lieber Gott!Nach drei und einer halben Stunde ist Geffken zu Hause. Fast hätte er die Station verschlafen, es ist acht Uhr abends, dunkel und windig.Da steht er nun. Cohrs scheint auch nicht mehr da zu sein. Der Kerl da mit der Mütze sieht anders aus. Na... er wird den Weg alleine finden. Die Leute kennen ihn wohl nicht mehr. Geffken ist so müde. Hier geht doch der Weg zur Mühle. Die Straße hinunter am ‚Hohenzollernhof‘ vorbei... ganz richtig.Vater Geffken stapft und torkelt die Straße hinunter.Jetzt muß doch die Mühle kommen. Immer noch nicht? Verdammt auch! Was ist denn das für ein Haus...?Geffken kann im Dunkel gar nichts sehen... er schüttelt den Kopf... brummelt und murmelt... Da kommt ja ein Mann. Ach... wo ist denn Geffkens Mühle...?“Tja... Geffkens Mühle... das heißt jetzt ‚Klein-Holland‘... da is es doch... mächtiger Betrieb wieder heute... geh man rein, Opa...“Der Mann lacht und geht. Geffken weiß nicht, was los ist. Er sieht ja so was wie Mühlenflügel, aber das andere da herum... das Haus... die Musik... was ist denn das...?Geffken tappt durch den Garten. Und dann sieht er durch die Fensterscheiben in den großen Saal; er sieht die Menschen tanzen und die Musiker... und Gesine geht gerade ans Fenster, genau an das Fenster, vor dem sich der alte Geffken aufgestellt hat.Der alte Mann, der Müller Geffken, krallt sich an der Mauer fest, ihm wirbelt es vor den Augen. Das da soll seine Mühle sein? Diese Kneipe mit bunten Lampen und weißgedeckten Tischen? Das kann nicht möglich sein. Und diese geputzte Deern, seine Gesine?Er brüllt: Gesine!“ Er öffnet den Mund, schreit: Luder... Verbrecher... Schufte... Swinkerls...“, aber all das glaubt er nur zu rufen, in Wirklichkeit steht er wankend mit aufgerissenem Munde und verzerrtem Gesicht da und kann keinen Laut herausbringen...Gesine war erschrocken, als das Telegramm vom Altersheim kam, daß der Alte fort sei; sie hat Tränen des Kummers und der Erlösung über seinem unbekannten Grabe geweint, nun steht er vor ihr. Nein, nicht er selbst, sein Gespenst...Sie stürzt in den Garten, Hermann hinter ihr her. Die Gäste merken zum Glück nichts; das wäre ein schlechtes Geschäft, wo heute Generaldirektor Kolshorn mit Anhang da ist...Der alte Geffken ist zusammengesunken. Er röchelt und blubbert unverständliche Worte, rudert mit dem einen Arm, der andere hängt schlaff...Ein Arzt! Um Gottes willen!“ In der Gesellschaft ist Doktor Poppe, Schiffsarzt des Lloyd.Herr Doktor“, leise flüstert Hermann ihn aus der Nische heraus.Herr Doktor, da ist was passiert... können Sie mal nachsehen?“Die anderen merkten nichts, sie sangen und soffen. Der Generaldirektor hatte gerade eine Papiermütze auf dem Kopfe und tanzte mit einer Sektflasche solo. |
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