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Einer geht fort
Ruben Lewinsky war gestorben. Zwei Tage vor seinem zweiundsiebzigsten Geburtstag. Der alte Herr war rüstig und beweglich gewesen, hatte als guter Hamburger gelebt, reichlich gegessen und getrunken, war ein frommer Mann, der stets freitags und sonnabends auf seinem Platz in der Synagoge zu sehen war.
Seine Familie eilte ans Sterbelager, kam aber zu spät, denn der alte Herr verabschiedete sich recht plötzlich. Moritz Thaler war noch bei ihm gewesen, hatte alte Witze erzählt und über die Zeiten gejammert. Das tat er aus Passion, und der alte Lewinsky machte dazu ein vergnügtes Gesicht. Er sagte immer junger Mann“ zu Thaler und Sie enden noch mal als Millionär bei Ihrer leichtsinnigen Ader“. Man war zusammengesessen, und da war es dem Herrn Lewinsky etwas komisch geworden, er sagte: Thaler... ich glaube, mit mir ist's soweit“, was Moritz gar nicht gern hörte. Er haßte Krankheit und Sterben, er machte zwar selber gerne faule Witze darüber, aber wenn er sah, daß ein anderer damit Ernst machte, dann wurde er verstimmt.
Machen Sie keine Zicken, Lewinsky, reden Sie nicht so 'n Schtuß...“, aber das half nichts, denn Ruben Lewinsky starb am andern Abend.
Moritz erfuhr es erst, als er daheim in Bremen war. Nach zwei Tagen setzte er sich wieder auf die Bahn und fuhr nach Hamburg zur Beerdigung.
In Hamburg regnet es bei jedem Wetter, sagt man, und so war es auch, als Moritz Thaler ankam.
Er stärkte sich erst mal ausgiebig bei Schümann am Jungfernstieg, ehe er ins Trauerhaus am Harvestehuder Weg, Ecke Altes ging. Bei Schümann, dem Austern-Schümann“ war er Stammgart. Er mochte zwar keine Austern, aber so das Drum und Dran des Lokals behagte ihm sehr. Es war noch lange Zeit bis zur Beerdigung, und Moritz Thaler hatte keine Eile. Er las bedächtig das Hamburger Fremdenblatt, das ein Format hatte wie sonst nur ausländische Zeitungen. Die Politik interessierte ihn eigentlich wenig, aber es gehörte doch wohl dazu, interessiert zu sein und zu wissen, was los ist. Es sah übrigens wieder einmal brenzlig aus in der Welt. Man sprach von Krieg...
Der sanft temperierte Chateau Lafitte, der in einem zierlichen Körbchen lag, war bald geleert. Und Moritz hatte ein junges Rebhuhn, mit Speck umwickelt, andächtig zerkleinert, als Herr Architekt Fabarius aus Bremen hereinspazierte.
Zwischen Moritz und Fabarius war eine kleine, nicht unfreundliche Meinungsverschiedenheit ausgebrochen, wegen der Bezahlung des Umbaus von Klein-Holland“. Thaler, als Mann von Welt und Humor, übersprang mit komischer Geste diese Differenz. Fabarius, als echter Hanseat, grüßte stocksteif, aber Moritz sagte: Gott zum Gruß, Herr Hochbaumeister, kommen Sie doch an meinen verwaisten Tisch.“
Fabarius zögerte, war sichtlich verlegen. Schließlich setzte er sich doch. Was sollte er machen?
Na schön... Fabarius, was wollen Sie essen?“
Keinesfalls, Herr Thaler, dürfen Sie mich einladen...“
So...?“ sagte Thaler, sonst nichts; nahm die Speisekarte und bestellte. Im Verlauf des Essens wurde mit keinem Wort auf die Differenz angespielt, aber Moritz wußte, was er wollte. Es handelte sich um lumpige zweitausend Mark, die bei der Gesamtsumme keine Rolle spielten. Aber auf diese zweitausend Mark versteifte sich Thaler mit einer Zähigkeit, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Schließlich, man trank schwarzen Kaffee und rauchte echte Importen (die Moritz immer schlecht bekamen), sagte Fabarius: Wenn Sie mir in ein paar Tagen tausend Mark a conto geben könnten, wäre mir sehr lieb.“
Thaler paffte eine Rauchwolke in die Luft, suchte mit sämtlichen Fingern in den Taschen, fand ein Scheckbuch, sagte grob: Federhalter...!“ und schrieb mit einem zugekniffenen Auge einen Scheck aus in Höhe von
Auf der Straße stand schon eine Reihe von Wagen, vornehme Equipagen der besten Hamburger Gesellschaft. Der Leichenwagen war etwas abseits. Ein schmuckloses schwarzes Gefährt, ein Holzkarten, an dessen Seitenwänden der Davidsstern“ reliefartig zu sehen war.
Thaler vergaß bei dem Anblick des Totenwagens sein gutes Frühstück. Er hatte zwar als Lieblingslektüre seiner reifen Mannesjahre das herzstärkende Buch des Amerikaners Mulford, das den schönen Titel führt: Der Unfug des Sterbens“, aber angesichts solcher Realität mußte auch die beste Literatur zurücktreten.
Die Todesangst, oder besser gesagt, die Lebensangst des begüterten Juden, die ständige Besorgnis um Verdauung und Gesundheit, hatte auch Moritz Thaler ergriffen.
Das Schwanken zwischen faulem Witz und schlotternder Angst ist für diese Menschen charakteristisch.
Tag, Herr Thaler... das ist nun traurig, nöch.....?“
Wissen Sie, ich habe noch vor drei Tagen mit ihm gesprochen... natürlich war er alt, aber daran hat doch kein Mensch gedacht... wissen Sie, er zweitausend Reichsmark, zahlbar an Herrn Erich Fabarius, Bremen, oder Überbringer...
Fabarius wußte nicht recht, was er sagen sollte. Also darum kämpfte er seit vier Monaten, und nun...?
Moritz rieb sich die Hände, als ob er ein gutes Geschäft gemacht hätte. Rief den Kellner, angelte ein Zwanzigmarkstück aus einer Tasche, strich das gewechselte Geld ein, gab kein Trinkgeld, bis er an der Tür war, wo er dem Kellner viel zuviel in die Hand drückte.
Auf dem Jungfernstieg stieg er in eine Droschke, setzte den Architekten unterwegs ab, sagte noch: Also bestimmt Sonntag draußen“, womit er das Etablissement Klein-Holland“ meinte, und gelangte in kurzer Fahrt ans Trauerhaus.
Auf der Straße stand schon eine Reihe von Wagen, vornehme Equipagen der besten Hamburger Gesellschaft. Der Leichenwagen war etwas abseits. Ein schmuckloses schwarzes Gefährt, ein Holzkasten, an dessen Seitenwänden der Davidsstern“ reliefartig zu sehen war.
Thaler vergaß bei dem Anblick des Totenwagens sein gutes Frühstück. Er hatte zwar als Lieblingslektüre seiner reifen Mannesjahre das herzstärkende Buch des Amerikaners Mulford, das den schönen Titel führt: Der Unfug des Sterbens“, aber angesichts solcher Realität mußte auch die beste Literatur zurücktreten.
Die Todesangst, oder besser gesagt, die Lebensangst des begüterten Juden, die ständige Besorgnis um Verdauung und Gesundheit, hatte auch Moritz Thaler ergriffen.
Das Schwanken zwischen faulem Witz und schlotternder Angst ist für diese Menschen charakteristisch.
Tag, Herr Thaler... das ist nun traurig, nöch.....?“
Wissen Sie, ich habe noch vor drei Tagen mit ihm gesprochen... natürlich war er alt, aber daran hat doch kein Mensch gedacht... wissen Sie, er sagte so was vom Sterben, aber das war doch Schtuß, oder glauben Sie an Vorahnung, ich nicht, sonst würde ich bessere Geschäfte machen...“
Fast hätten Thaler und der Großkaufmann Katzenstein gelacht, aber sie besannen sich noch rechtzeitig.
Es herrschte eine aufregende Feierlichkeit im Hause Lewinsky. Annähernd hundert Personen waren gekommen, in Schwarz und Zylindern. Nur Thaler hatte seine Melone“ auf, die er immer trug. Im Salon waren die Lichter angezündet. Da stand der Sarg. Ein schwarzes Tuch war liebevoll über die rohen Naturbretter gelegt, dem Judensarg, dem grausam nüchternen Behältnis der sterblichen Kreatur, wie es das Gesetz vorschrieb.
Thaler war ein Feind von solch übertriebener Genauigkeit, wenn es nach ihm ginge, er bekäme einen Sarg aus bestem Holz mit Silberbeschlag und den Worten darauf: Für meine Gesundheit ist mir nichts zu teuer.“
Das Haus war alt. Ein kleiner Palast, den sich Lewinsky hatte bauen lassen, inmitten von Wiesen und mit Ausblick auf die schimmernde Fläche des Alsterbeckens. Da waren im Laufe der Jahre Mietshäuser ringsum entstanden, nicht sehr hohe, aber mit einem Male war die exklusive Vornehmheit der Straße dahin. Man hatte wiederholt große Summen für das Haus geboten, aber Lewinsky lehnte auch die verlockendsten Angebote ab. Nun wurde ja die Frage des Verkaufs akut. Und wer anders sollte die Sache in die Hand bekommen als Moritz Thaler, der zwar kein Hamburger Makler war, aber doch als Freund des Seligen das meiste Anrecht darauf hatte, berücksichtigt zu werden.
Im Salon hatte sich nun alles versammelt; da standen die würdigen Männer, die schwarz verschleierten Damen, da stand der Rechtsanwalt de Vries, der Schwiegersohn des Verstorbenen, und auf einem Stuhle vor dem Sarge saß Johanna de Vries, die Tochter. Der Enkel Joe trug zum Erstaunen aller einen weichen Schlapphut und sehr lange Haare. Der Rabbiner Dr. Lerchenfeld ging zu den Angehörigen und schüttelte ihnen stumm die Hand.
Lerchenfeld war ein bedeutender Gelehrter, aber ein schlechter Redner, er machte seine Trauer- und Freudenreden durch eigene Schuld unwirksam. Bei Trauungen ließ er oft die Eltern der Braut verklärt vom Himmel herabblicken, wenn diese gesund und lebendig vor ihm standen, während die Eltern des Bräutigams tot waren. Einer durchaus ehrbaren und verwachsenen älteren Dame widmete er die Worte am Grab: Sie war verwachsen... sie war verwachsen“, und als die Zuhörer erstarrten und eine Katastrophe drohte, setzte er fort: mit allen Gliedern....“, und dann klärte sich der unverständliche und beleidigende Satz in der schlichten Anerkennung auf: Sie war verwachsen mit allen Gliedern der Familie in Liebe und Freundschaft...!“
Der Sarg wurde von vier unordentlich und schmuddelig gekleideten Männern hochgehoben und in den Leichenwagen getragen. Dann setzte sich der Zug in Bewegung.
Man ging zu Fuß bis zum Friedhof, das war letzter Liebesdienst. Hinter dem Sarge gingen de Vries und Joe, dann der Rabbiner, trotz seines hohen Alters. Moritz Thaler befand sich gleich dahinter. Ihm war sehr elend zumute, er haßte diese Sitte. Man ging langsam und stumm vom Trauerhause fort, die Johnsallee hinunter über die Grindelallee, Grindelweg zum jüdischen Friedhof an der Sternschanze. Unterwegs wurde die Unterhaltung, die naturgemäß ernst sein sollte, etwas lebhafter. Zwischen dem nüchternen Alltagstreiben eines Hamburger Vormittags nahm sich Feierlichkeit jeder Art schlecht aus.
Von den nächstliegenden Dingen fing man an, der Nebenmann antwortete, man war sich ja schließlich in den Hauptfragen des Lebens einig...
Am Grabe nahm man Aufstellung. Joe blickte genau hinein, interessiert und doch wie im Traume. Nun kam die Grabrede.
Und da passierte es dem alten Lerchenfeld wieder, daß er falsch pausierte. Zum Erstaunen der andächtigen Zuhörer sagte er: Unser teuerer Entschlafener... er hat nicht gesessen... er hat nicht gesessen...“ Pause; betroffenes Schweigen. Er hat nicht gesessen im Rate der Gemeinde, aber er war doch ein treuer Jude...“
Man senkte den Sarg ins Grab. Joe warf mit spitzen Fingern drei Handvoll Sand in die Grube. Es war kalt, und es regnete. Nachher stand man noch in der Halle. Das Kondolieren begann. Kaddisch“ konnte nicht gesagt werden, da kein Sohn vorhanden war. Darüber ließen sich die Frommen voll Bedauern aus.
Auf dem Nachhausewege fuhr Moritz Thaler mit im Wagen des Rechtsanwalts. Er war nachdenklich und besprach mit de Vries das Nötige, um das Haus Lewinskys, so schnell es ging, zu verkaufen.
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