Karl Jakob Hirsch
1892 - 1952
Kaiserwetter
1931
Zweiter Teil
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Das Herz auf dem rechten Fleck
Bernhard Tölle war ein freier Mann geworden. Das wollte etwas heißen, das sollte etwas bedeuten für einen neunzehnjährigen aufgeweckten Jungen! Er begriff, daß es in der Welt nicht so sehr darauf ankommt, etwas zu arbeiten, als etwas zu erreichen.Der Reiz des unbekümmerten Lebens hatte eine starke Anziehungskraft. Er nutzte seine Freiheit auch aus, so gut er konnte, und machte sich auf diese Weise zwar bei den Mädchen der Stadt beliebt, aber sehr unbeliebt bei seiner Wirtin. Was soll man dagegen tun, daß ein junger Mensch jeden Abend ausgeht, kaum vor ein Uhr nachts nach Hause kommt und dabei um sechs Uhr aufstehen muß? Mutter Luises Weinen hätte ja wohl etwas erreichen können, nicht aber der vorwurfsvolle Blick und die zänkische Stimme von Frau Auguste Quarles in der Vahrenwalder Straße.Berni schrieb einige Karten an seinen Vater, der nun Briefträger in der kleinen Stadt geworden war, in der Wendelkens Klein-Holland“ sich befand. Er schrieb pflichtschuldigst und ungern. Was sollte er dem Vater erzählen? Von seinen Mädchengeschichten etwa oder von der praktischen Arbeit oder von den Uhnterrichtsstunden in der Technischen Hochschule? Er hatte das Haus am Welfengarten, vor dessen Portal das springende Pferd, das Welfenroß, als Denkmal und Wahrzeichen stand, selten genug besucht. Wie das werden sollte, wußte niemand.Lieber Vater“, so begannen die Briefe, mir geht es soweit ganz gut. Ich hoffe, daß Du Dich in Deinem Posten wohl fühlst, und hoffentlich kann ich in den Ferien Dich besuchen...“Bernhard Tölle war mit sich zufrieden. Nur merkte er immer mehr, daß er zu schade sei, den vorgeschriebenen Weg zu gehen. Er wollte Macht haben und herrschen, er wollte die Leute tanzen lassen nach seiner Pfeife...So konnte er sich der Freundschaft Gustav Ellebrechts rühmen, des Sohnes der alten Firma, bei der er praktisch gearbeitet hatte. Gustav war in jeder Weise Bernhards Freund. Er unterwarf sich allen seinen Launen und Neigungen, ließ sich auf manches ein, was seiner schwächlichen Gesundheit nicht zuträglich war.Gustav Ellebrecht war ein Muttersöhnchen, ein verwöhntes und launisches Kind gewesen. Nun war er mit zwanzig Jahren im Büro seines Vaters tätig und sollte später die Firma übernehmen.Als er zum erstenmal Bernhard Tölle im Hof der Fabrik arbeiten sah, fiel ihm der hübsche stramme Bengel auf. Gustav stand am Fenster und wurde von Erinnerungen befallen, die einige Jahre zurücklagen: Da war auch so ein frischer blonder Junge in der Badeanstalt gewesen, ein Offizierssohn, ein Adliger, der, von einem plötzlichen Unwohlsein befallen, gerade Gustav Ellebrecht in die Arme sank. Gustav fühlte die zarte weiche Haut des Fünfzehnjährigen und wurde verwirrt, er fror in der Sonne, er wurde ratlos und unglücklich. Seit diesem Augenblick wußte er, daß er diese Erregung niemals bei einem Mädchen empfinden könnte.Bernhard wurde von seinem Freunde Gustav sehr verwöhnt; er ließ sich diese Freundschaft gern gefallen, er hatte zwar keinerlei Gefühle“ für ihn, aber schließlich war Gustav Ellebrecht ein flotter Kerl mit Geld, da konnte man mancherlei mit in Kauf nehmen.Bernhard Tölles Lebensplan war in Umrissen der: man mußte vor allem schnell, bequem und ohne viel Anstrengung ein Ziel erreichen, eine Position, eine Macht. Man hatte das Glück, in einer Zeit zu leben, in der der Tüchtigste die Welt regiert, der Mensch, der sie zu nehmen weiß.Was sollte passieren? Zum Studium an der Technischen Hochschule gehörte Geld, und da gab es von Großmutter Tönböhm aus Hameln eine Erbschaft von ein paar tausend Mark, die hatte Mutter Luise festgelegt zum Studium ihres Sohnes.Übrigens konnte Berni das Geld mit einundzwanzig Jahren abheben, wozu er auch entschlossen war. Bernhard Tölle freute sich seines Lebens, er war klug genug, hier und da zu naschen von Kenntnissen und Genüssen jeder Art. Er war ein Junge des neuen Jahrhunderts, ein Kerl, dem die äußeren Lebensbedingungen viel zu ruhig waren. Er dachte oft daran, daß er bald Soldat werden wollte, und dann sollte es auch Krieg geben und alles, was dazu gehört.Vorläufig war Frieden, und die Lebenstage vergingen ruhig und heiter. Die Freundschaft mit Joe de Vries war noch immer vorhanden, ohne Grund eigentlich, aber angenehm und ehrend für Bernhard, da er so leichter in bessere Kreise“ kam. Wenn es auch schließlich nur Juden waren, aber sie hatten doch das Geld. Und darauf kam es an.Seine geistigen Genüsse waren einfacher Art. Er las Detektivromane und schwärmte für die Lustige Witwe“ und die Dollarprinzessin“. |
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