Karl Jakob Hirsch
1892 - 1952
Kaiserwetter
1931
Zweiter Teil
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Klein-Holländischer Alltag
Gesine sah die ganze Pracht von „Klein-Holland“ vor sich. Gewiß, es war sehr schön geworden, geradezu palastartig, aber sie war immer sehr unruhig und bedrückt von dem Ganzen. Nicht, daß sie mit einem Male ein zartbesaiteter, ein sensibler Mensch geworden wäre. Sie blieb, die sie war. Selbstbewußt und kleinmütig, gierig und feige, sehnsüchtig nach allen Dingen des „großen und feinen Lebens“, wie es außer in den herrlichen Büchern der Leihbibliothek in Bremen nun auch in den Kinematographentheatern zu sehen war. Sie schwärmte leidenschaftlich für Waldemar Psylander; auch Max Linder war neben seiner Komik so fein und elegant...Gesine Geffken, die Müllerstochter, stand nun auf dem heimatlichen Boden, auf dem sie geboren war, erzogen, soweit man davon sprechen konnte, und wo sie ihre ersten Erfahrungen gemacht hatte. Von der Mühle waren ja nur die Windmühlenflügel geblieben, die etwas unmotiviert in der Mitte des verputzten und reich mit Ornamenten versehenen Hauses sich befanden. Das Haus war geradezu ein Musterbeispiel an Geschmacklosigkeit geworden, aber das war ja das Sehenswerte daran. Fabarius hatte es umgebaut, geradezu demoliert. Der Mittelteil des Gebäudes hatte sich an die Konstruktion der alten Mühle gehalten. Wenn man hineinkam, sah man eine runde Stube, an deren hohen Wänden Nischen und Logen angebracht waren für je zwei Personen, und zu jeder Loge führte eine steile, leiterförmige Treppe hinauf. Das war sensationell.Nur Moritz Thaler fand das alles greulich, prahlte aber gern mit seiner „Schöpfung“ vor anderen.Hermann Wendelken war nur zufrieden, daß ihn die Sache nicht viel gekostet hatte. Passend war ihm auch, daß werktags wenig zu tun war, daß sonnabendabends die Künstler kamen, die Herren Raffaelo und Köppke, der Klavierspieler, und Molly, die nette Soubrette.Raffaelo hatte übrigens wenige Engagements zu verzeichnen, er war oft eine Woche lang als Gast im Etablissement, und im Laufe der Zeit wurde aus ihm immer mehr Herr Schmidt aus Tuttlingen. Sogar bei den Familien des Ortes wurde er eingeladen, zum Beispiel bei dem Fabrikanten Cordes, der eine noch hübsche Frau hatte und eine Tochter von vierzehn Jahren, die schwärmerisch an Raffaelo hing.Wendelken und Gesine vertrugen sich so gut, wie eben zwei Menschen sich vertragen, die voreinander Angst haben.Gesine stand morgens um sechs Uhr auf. Schlurfte in Pantoffeln durch die nach kaltem Rauch stinkenden Räume, weckte die Magd Fiete Kück, die dann immer schreiend antwortete, als ob sie gemordet würde.Der Knecht war schon auf, er war ein Bayer und trank manchmal anstatt Kaffee morgens um sechs Uhr schon ein bis drei Glas Bier.Er hieß Xaver Pröbstl, ein unaussprechlicher Name für die Norddeutschen. Pröbstl stammte aus Lindau und wollte eigentlich nach Amerika fahren, aber das Geld war ihm schon in Bremen ausgegangen; da blieb er nun in der Gegend. Gesine mochte den Xaver, der ein kleiner, aber stämmiger Mensch war, gut leiden. Übrigens wurde er der Einfachheit halber Hini genannt, das war geläufig und angenehm auszusprechen.Dieser Hini oder Xaver hatte die grobe Arbeit zu tun im Garten und Hof. Er betreute auch das Pferd und den Wagen, einen alten, auf neu hergerichteten Landauer, der selten genug gebraucht wurde. Das Pferd hieß Fanny.Wenn Gesine sich richtig ausgegähnt hatte, ging sie in die Waschküche und wusch sich dort mit kaltem Wasser ab. Einmal kam Xaver dazu, gerade als sie den Oberkörper entblößte. Er blieb stehen, wischte sich den Mund ab, sagte: „Sakra... a saubres Weibsbild... a saubres!“Übrigens sah man Gesine einmal nachts im kleinen Wäldchen mit dem Xaver zusammen. Hermann litt nicht an Eifersucht, aber er war mißtrauisch, und an dem darauffolgenden Morgen gab es einen Krach in „Klein-Holland“, daß die Wände zitterten.Das Gastzimmer für die einfachen Besucher, die Biertrinker und „Klöner“, war ein billig eingerichteter Raum. Eine Theke, irgendwo alt gekauft, und vier Tische mit Stühlen dazu waren das Ganze. Hier war Hermanns Reich.Gesine sorgte mehr für die vornehme, aber meist leerstehende Seite des Etablissements, den „Salon“ und den „Saal“ und die „Logen“. Im Saal standen das Podium und das Klavier.Werktags wurde das Etablissement wenig frequentiert, die kleine Gaststube war noch zu groß für die paar Menschen, die vorbeikamen, um schnell mal „einen zu kippen“.Man muß sagen, daß es für Hermann Wendelken doch vielleicht ein unüberlegter Schritt war, seinen gutgehenden ‚„Hohenzollernhof‘“ gegen diese Pracht zu vertauschen. Hermann saß blaß und mißvergnügt den ganzen Tag im sogenannten „Büro“ und rechnete. Stumpfsinnig war so ein Leben, und er benutzte auch jede Gelegenheit, um nach Bremen zu fahren oder nach Geestemünde, geschäftlich, wie er sagte, aber es kam bei den Reisen nie etwas heraus...„Tach... Tölle... na, hast du was?“„Tja, da wär mal wieder 'ne Nachnahme... sechsundfünfzig Mark...“„Ach du lieber Gott, die hab ich wirklich nich im Haus.“„Da muß ich sie eben wieder mitnehmen... wie geht’s sonst?“Briefträger Tölle setzte sich, er bekam seinen Korn und fing an zu jammern: Das wäre nun sein Dienst, durch Dreck und Speck hier Landbriefträger zu spielen auf seine alten Tage, das wäre schon ein Jammer. In Hannover hätte er es doch besser gehabt, meistens Innendienst.Aber er wollte doch raus auf einen kleinen Ort, nun hätte er es ja, meinte Wendelken.„Gott ja, nun hab ich’s ja“, sagte Tölle, „aber bei der ollen Witwe Engelhardt ist das auch man en bißchen ungemütlich. Wenn man mal ein eigenes Heim hatte, dann kann man sich schwer an so ’ne möblierte Wirtschaft gewöhnen...“Da meinte Hermann, ob Tölle nicht zu ihnen ziehen wollte. Tölle kratzte sich den Kopf: „Gott ja, aber der Bumsbetrieb hier.“„Na, Alter“, lachte Hermann, „das ist doch was für dich, übrigens brauchst du gar nicht direkt ‚im Betrieb‘“ — dieses Wort liebte Hermann — „zu stecken, hier unten im Parterre ist ja ein nettes Zimmer, und wir sorgen schon für dich.“„Schönen Dank“, meinte Emanuel, ‚ich will’s mir überlegen.“Was war das auch für eine Gegend? Wiesen, mit schmalen Gräben durchzogen, mickrige Birken, mannshohe Wäldchen, verfallene strohgedeckte Häuser. Von dreihundertfünfundsechzig Tagen im Jahr war an dreihundertfünfzig schlechtes Wetter. Und da lebte nun Emanuel Tölle, arbeitete seine Dienststunden ab und hatte außer dem Hermann Wendelken und Gesine Geffken keine richtigen Freunde.Wenn er durch die kleine Ortschaft ging, sagte er hier und da guten Tag, aber richtig nahe kam ihm niemand. Nur die hübschen Deerns, die mochten ihn gerne.Die kleine Tochter der Engelhardt war sein besonderer Liebling; ein dünnblütiges Geschöpf mit wasserblauen Augen.Gestern war ihr sechzehnter Geburtstag gewesen. Tölle hatte ihr Schokolade geschenkt und einen töchterlichen Kuß bekommen. Er hatte das kleine Ding richtig lieb. Und wenn er so in seiner Stube saß, kam die Tine Engelhardt oft zu ihm und wisperte herum, räumte auf und deckte den Tisch. Dann saß Vater Tölle behaglich da und freute sich, vergaß seinen Kummer, sein Alleinsein und kam sich sehr jung vor, obwohl er jetzt bald fünfzig Jahre alt war.Winternachmittags um vier Uhr wurde es schon dunkel. Was soll man da tun? Sich hinsetzen und in die Ecke starren, das kann man machen, oder auch einen hinter die Binde gießen, einmal, zweimal, bis alles leicht ist und erträglich... Man kann zu ‚„Klein-Holland“ gehen und zusehen, wie die Leute sich amüsieren.Was für komische Menschen da waren!Sie kamen in Automobilen oder per Bahn an, immer zwei und zwei, wie in der Arche Noah, ein Männchen und ein Weibchen, und taten furchtbar vornehm, so von sieben bis zehn Uhr. Dann lockerten sich die Sitten erheblich unter dem Einfluß von Alkohol, Raffaelos und Mollys Künsten und der schummerigen Beleuchtung im Lokal. Die feinen Herren taten sich dann keinen Zwang an und die Damen auch nicht...Ja, was die Leute so redeten. Der eine soll ein großer Reeder sein, der andere ein Bankdirektor, und alle nicht mit ihren eigenen Frauen. Das munkelte man. Wendelken wußte es wohl, Thaler war es egal, und Gesine paßte es ganz gut. Nur Xaver Pröbstl konnte sich nie entschließen, sich dazuzusetzen, obwohl er bei den Damen sehr beliebt war. Er hatte so was Urwüchsiges und Gerades an sich, eine so unverständliche Sprache, er war ein Mann.Aber Xaver sagte: „Die haben mich ja alle ganz gern, aber äschtimieren, das tun sie nicht, das nicht.“ Er sagte es sehr oberbayrisch, und das „äschtimieren“, dieser Ausdruck für Ehrfurcht und Bewunderung, diese urbayrische Bezeichnung, die verstand freilich niemand.Emanuel Tölle war ein trübsinniges Leben gewohnt, aber wenn es in den alten, liebgewonnenen Formen geschah, wie in Hannover, so war das etwas anderes als in der fremden Luft dieses Ortes, dieses jämmerlichen Städtchens in Moor und Heide; da wurde es unerträglich.Wenn er den Haß, der zwischen Gesine und Hermann aufloderte, zu spüren bekam, wurde ihm sehr elend. Kürzlich abends kam er hinzu, wie Gesine dem Hermann eine Ohrfeige langte. Nanu, dachte er, und als er sich gerade ereifern wollte, da vertrugen sich die beiden schon wieder. Nur Hermann machte dunkle Andeutungen, sprach von Zuchthaus und Ähnlichem, aber Gesine lachte.Aber das Lachen kam ihr selbst komisch vor, denn hinter ihrer gespielten Gleichgültigkeit wuchs die Angst, die beklemmende Angst, daß schließlich einmal alles herauskommen würde. Und dann wäre es wohl um sie beide geschehen. Der alte Geffken wurde nur noch selten besucht, Hermann wollte nicht gern, daß Gesine allein reiste. Er selbst kam zwar manchmal nach Hannover, aber der Besuch im Altersheim gehörte nicht zu seinen Gewohnheiten. Auch hatte er einmal bei einem Besuch von Geffken allerhand zu hören bekommen. Der Alte hatte irgendwie herausgekriegt, daß Wendelken nun in der Mühle saß, und da hat er den Stuhl, einen alten, wackligen Stuhl, genommen und ihn gegen Hermann geschmissen.„Mörder“, brüllte er dabei, „Mörder... Gauner... Swinkerl!“War Hermann der Mensch, der sich das gefallen lassen mußte? Er spuckte auf diese elende Gesellschaft.Die Ortschaft um „Klein-Holland“ herum war ihm zuwider. Früher war das anders gewesen, als er noch den „Hohenzollernhof“ gehabt hatte. Wer anders hatte ihn hineingelegt als der Jude Thaler. Hermann fraß sich immer mehr in Wut, obwohl er es ja eigentlich jetzt ganz sorgenlos hatte, denn an den Einnahmen war er beteiligt, aber nicht am Verlust. So lebte man in „Klein-Holland“: stumpfsinnig und einander mißtrauend; hinter den Gesichtern lag die Kälte, die berechnende Kälte der unzufriedenen Menschen.Xaver verachtete die Saupreußen und sehnte sich nach dunklem schaumigem Bier; Fiete hatte Angst vor allem, sie wollte lieber wieder in ihrer elterlichen Hütte sein, im Teufelsmoor, wo der Rauch durch die Tür abzog, das Wasser von den Wänden tropfte und das vermooste Strohdach das Haus in die Erde drückte. Hermann war in Unruhe, die sich auch nicht durch Schnaps beheben ließ, und Gesine fürchtete sich. |
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