Karl Jakob Hirsch
1892 - 1952
Kaiserwetter
1931
Dritter Teil
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Dämmerstunden
Das süße Laster der Heimlichkeit hatte den Rechtsanwalt ergriffen. Er gab sich ihm hin mit der ganzen Kraft seiner sechsundvierzig Jahre. Ein Familienvater, ein ehrsamer Bürger ging dunkle und gewundene Wege. Zum Glücke, wie er meinte, zum einzigen Glücke seines Lebens, wie es ihm schien.Frau Margarete Plümeke war sich der hohen Ehre bewußt, den Lebenszielen eines so gelehrten und angesehenen Herrn so etwas wie Vollendung zu bedeuten, aber sie war nicht recht froh bei dem Bewußtsein dieser Heimlichkeit, sie weinte ratlos einsame Stunden hindurch und dachte mit Schrecken und Entsetzen an den Tag, an dem Otto Plümeke aus dem Gefängnis entlassen werden würde.Ihre Wohnung in der Josephstraße war klein, es waren nur zwei Zimmer und eine Kammer, aber seit ihrer Vereinsamung fand sie es noch zu groß.Ein Jahr Gefängnis hatte Plümeke bekommen, und nun waren schon zehn Monate vorüber. Margarete oder Grete, wie sie genannt wurde, dachte mit Liebe an ihren Mann, aber was sollte der Abwesende ausrichten gegen den anwesenden, frei sich bewegenden de Vries. Grete wehrte sich gar nicht, als der Rechtsanwalt nach einem rein geschäftlichen Besuch länger blieb, als es schicklich war. Sie fühlte, daß ihr Leben als Reisendengattin zu eintönig war; sie hatte es sich nur nicht eingestehen wollen.Ihre Jugend in Hameln war auch nicht besonders schön gewesen. Karl Pütger und Wilhelmine, geborene Overhues, hatten ihre einzige Tochter mit viel Liebe, aber mit größter Ängstlichkeit erzogen.Gott nein... das Mädchen is ja noch viel zu jung... Gott nein...“, so hieß es bei allem. Und schließlich wußte Grete Pütger nichts anderes vom Leben als das, was sie aus Thekla von Gumperts Büchern und von der wenig abwechslungsreichen Aussicht aus den elterlichen Fenstern hinaus auf die Deisterstraße erfahren hatte. Otto erschien ihr wie ein Retter, der kleine, aber schneidige Otto Plümeke, der die Welt kannte, wenn sie auch nur in der Provinz Hannover lag.S. de Vries war nicht ganz unabsichtlich in dieses Verhältnis hineingeraten, denn die Ehe hatte ihm nichts gegeben, was seinen innersten Bedürfnissen nötig schien. Er hatte in Johanna eine gebildete und vornehme Frau, aber ihre ewige Angst um die Zukunft, ihr Leben in einer unwirklichen, damenhaften Welt wurde ihm immer fremder.Mit zunehmendem Alter wußte S. de Vries, der an nichts mehr glaubte als an die Zufälligkeit des Schicksals, daß die kleinen Freuden des Daseins die höchsten Möglichkeiten des Lebens bedeuten.Mehr als eine schöne Stunde, eine Minute Vergessen und Sichverlieren kann man nicht verlangen“, so sagte er zu sich, wenn er mit etwas unbehaglichem Gefühl zu Margarete ging. Den Wagen ließ er an irgendeiner Straßenecke halten, niemals fuhr er vor dem Haus seiner Freundin vor.Die größte Freude für ihn war, daß sich niemals das süße Herzklopfen verlor, wenn er an der Tür der Plümekeschen Wohnung klingelte. Er lächelte über sich, wußte aber zu gut, daß er dagegen nichts machen konnte. Die tiefe, unsagbare Banalität, die Gewöhnlichkeit, die Landläufigkeit der Stunden mit Margarete nahmen von ihm den schmerzenden Druck, unter dem er litt; er konnte immer noch glänzen und schillern, aber wenn die sanft plärrende und liebevolle Stimme Grete Plümekes ihn begrüßte, leise und etwas klagend, wenn er in dem höchst unmodernen Zimmer saß und aus Zwiebelmustertasse Tee trank und sich so ganz wie ein gewöhnlicher Mensch erschien, dann war er eigentlich sehr zufrieden und glücklich...Zehn Monate waren verstrichen, als der Rechtsanwalt die Nachricht erhielt, daß Otto Plümeke wegen guten Betragens vorzeitig entlassen werden sollte.Der Strafgefangene Plümeke sah also dem Ende seiner Schande entgegen und S. de Vries dem seines Glückes.Er sagte es Frau Grete zaghaft und schüchtern, er strich dabei über ihr Haar und war recht betrübt. Aber was sollte er tun? Sieh mal, Grete, dagegen können wir nichts machen...“ – Nichts...? Ach Gott!“Sie schwieg und sah ihn mit nassen Augen an. Sie saßen auf dem Sofa, dem rotplüschenen, dem Prachtstück des Hauses, und Margarete legte ihren Kopf an seine Schulter.Der Rechtsanwalt streichelte das weiche blonde Haar, das so sauber und frischgewaschen duftete, er streichelte ihr dummes kindliches Gesicht und wußte auch nicht recht, was er eigentlich tun sollte.Das soll nun alles wieder so werden... so wie es war? Du, das kann ich nicht... ich glaube, ich sage ihm alles...“De Vries erschrak.Was, du willst ihm alles erzählen? Das geht nicht.“Warum denn nicht, warum muß denn jetzt alles aus sein?“Alles ja nicht... wir können uns ja sehen... irgendwo...“S. de Vries sagte es sehr unsicher. Er seufzte, sah das Bild an der Wand: Böcklins Toteninsel. Er stand auf, ging im Zimmer herum.Margarete sah ihn an. Sie wollte nicht wieder in ein graues Dasein zurück. Nein, jetzt würde sie es darauf ankommen lassen, jetzt könnte er ja für sie einstehen, der liebe, gescheite, dumme Mann, der sich so wichtig nahm. Aber es gelang auch diesmal der Beredsamkeit S. de Vries', seine Freundin davon abzubringen, Geständnisse zu machen. Er dozierte: Mache dich um Gottes willen von solchen Albernheiten frei, jemandem die ‚Wahrheit‘ zu sagen... das gibt es nicht... sieh mal, wennich...“Das Kolleg über die Wahrheit dauerte sehr lange. Es endete mit der Versicherung Margaretens, ihrem Manne nichts zu sagen und im übrigen alles der Klugheit ihres Freundes zu überlassen.Dieser Nachmittag endete wie alle vorher. In zärtlicher Liebe und in der wiederholten Versicherung Margaretens, ihm trotz allem, was komme, treu zu bleiben.Der Rechtsanwalt war weit davon entfernt, so etwas zu verlangen, er wünschte es durchaus nicht. Im Gegenteil, er sah aus diesem Gelöbnis Schwierigkeiten erwachsen, die er nicht wollte.Aber welcher Mann kann seiner Geliebten als Ausdruck seiner eigenen Liebe empfehlen, ihm nicht treu zu bleiben?S. de Vries ging im Bewußtsein fort, daß irgendwo die berühmte Schicksalsgestalt, jene mäßig schöne Frau auf der fliegenden Kugel, auf ihn zurollte.An diesem Abend war er besonders heiter. Zur Freude seiner Frau, die in den letzten Monaten viel erduldet hatte. |
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