Karl Jakob Hirsch
1892 - 1952
Kaiserwetter
1931
Dritter Teil
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Promenadenkonzert
Der Schnupfen, den sich die jugendliche und musikliebende Bevölkerung von Hannover in den trügerischen ersten Maitagen mit traditioneller Regelmäßigkeit holte, wurde immer wieder durch die angenehme und unersetzliche Erregung aufgewogen, die darin bestand, daß man leicht bekleidet, möglichst in hellen Gewändern sonntagmittags um zwölf Uhr zwischen Cafe Kröpcke und der Windmühlenstraße einherspazierte. Auf der Freitreppe des Hoftheaters waren die Musiker des vierundsiebzigsten Infanterie-Regiments zu sehen, die ihr gutdiszipliniertes und exaktes Können der Bürgerschaft vorführten.Während die Kinder das Musikkorps dicht umdrängten, sammelte sich auf der Georgstraße die blühende Jugend, in lockenden Batistblusen und mit schiefgesetzten Schülermützen, zum langsamen Schlenderschritt.Das Wort, das mit roher Äußerlichkeit poussieren“ hieß und hier auf der Georgstraße unter den Klängen der Militärmusik in seiner vollständigen Grammatik konjugiert wurde, dieses Wort ist nicht erschöpfend genug, um die erregende Freude, die lüsterne Abenteuergier dieser jungen Menschen zu kennzeichnen, die glaubten, etwas ganz Erstmaliges zu tun, ja vielleicht etwas Verbotenes, und doch nur in der ausgetretenen Straße herkömmlicher, ja sogar staatlich erlaubter und unter militärischer Musik geduldeter Sinnlichkeit wandelten.Die Helligkeit eines Maisonntags verführte sogar den spöttischen Joe zu einer Flaniertour auf der Georgstraße. Wer anders käme zu diesem Lustwandel als Begleiter in Frage als Bernhard Tölle, der seinen erdbraunen Anzug mit einer grasgrünen Krawatte geziert hatte und mit seinem weißlich blonden Haarschopf aussah wie ein Symbol des Frühlings.Na, Mensch... nun wollen wir losgehen.Berni stand schon bei der Normaluhr, als Joe ankam. Natürlich tauchte bald Gustav Ellebrecht auf, der die jungen Herren zu einer Pastete und Bouillon erst mal“ ins Cafe Kröpcke führte.Berni nahm soviel englische Soße dazu, daß er minutenlang der Sprache beraubt war. Scharfe Sache“ krächzte er und fühlte sich wie ein Lebemann...Bummda... Bummda... Bummdada...“, klang schon der Marsch in die sonntagsstille Georgstraße. Berni schwang ein Bambusstöckchen und fühlte sich mächtig auf dem Posten.Man schob sich nun langsam hinter den anderen her. Die Mädchen sahen aus, als ob sie im Winter in Watte verpackt gelegen hätten, nur um jetzt rosig und unsäglich pfirsichzart wieder aufzuerstehen. Joe grüßte auch einige Töchter aus ‚guten Häusern‘, die einen Bummel auf der Schorsengasse“ wohl als einzige Ausschweifungserinnerung in eine bald zu erwartende bürgerliche Ehe retten wollten. Es waren gute Dinger, appetitlich und nicht so spröde, wie sie taten. Erstaunlich war ihre flinke, spitze Schlagfertigkeit, mit der sie sich (mit vielen Nöchs“ und Ach nees“) kichernd und glucksend des unschuldigen Ansturms der gutangezogenen Männlichkeit erwehrten.Gustav Ellebrecht sah mit glänzenden Augen auf die Leutnants und jungen Herren, unter denen er viele Bekannte hatte. Er blieb alle Augenblick stehen und verlor die beiden anderen. Joe sagte etwas von komischer Kerl“, was Bernhard veranlaßte, seinerseits faule und etwas unpassende Witze über Gustav zu reißen. Im übrigen war Berni ein ganz anderer Mensch, so an der frischen Luft, in der Mittagssonne, als bei nächtlichen Streifzügen und Abenteuern mit Barmädchen und Kellnerinnen seiner Stammlokale. Er war wie ein junger Hund. Er konnte im Dreck wühlen, dann schüttelte er sich etwas und ging unschuldig, rein und sauber von dannen.Schritt für Schritt gingen die beiden nebeneinander her. Sie sagten wenig. Joe erzählte eine komische Geschichte aus dem Konservatorium und Bernhard von seiner Tätigkeit. Er würde bald sein Examen machen in der Hochschule und wollte dann ins Ausland. Er arbeitete angeblich in den Freistunden bei Ellebrecht, aber das war wenig glaubhaft. Es hatte vielmehr den Anschein, als ob Gustav den Hauptanteil an Bernis Existenz trug.Berni behandelte seinen Freund Gustav wie ein König seinen Untertanen, gönnerhaft, herablassend, mit Blitzen des Zornes und überraschenden Ausbrüchen von Herzlichkeit. Mit Joe war seine Freundschaft ruhiger. Sie respektierten die gegenseitige Verschiedenheit und gingen oft um manche Dinge ängstlich herum. Aber er wußte, warum er Joes Freundschaft hielt. Ohne sie konnte er seine Herrschaft über Gustav nicht ausüben.Joe war immer als Mittel zu gebrauchen, um zu drohen: Ich brauch dich nicht... ich habe andere Freunde, die mir helfen können.“Entschuldigt bitte...“, kam Gustav angelaufen, aber den mußte ich dringend sprechen.“ Flehend sah er zu Berni auf.Na... das kennen wir... du alter Bummler."Gustav war wieder beruhigt. Er redete und machte Witze, die sehr mäßig waren.Joe... Sie kommen doch heute Nachmittag mit nach Steinhude... was?“Joe bedauerte, er könne nicht, er hätte zu arbeiten.Ach... Mensch, heute komm mal mit. Wir fahren im Auto und nehmen ein paar Mädels mit... und abends gehen wir ins kinematographische Theater am Bahnhof... weißt du... ‚Meßters Bioskop‘."So war Berni, er zimmerte gleich das Tagesprogramm fertig, da stand alles fest bis auf eines, die Geldfrage.Aber das löste sich mit Selbstverständlichkeit, da Gustav einfach alles bezahlte.Joe sagte: Hilf Himmel... das ist ‚Tiefland‘!“Das Vorspiel zu dieser beliebten Oper erklang; Pyrenäen-Höhenseligkeit, gefällige Salon-Einsamkeit, Hausgebrauch-Gletschermusik, so und ähnlich ließ Joe sich darüber aus. Gustav war wirklich beleidigt.Nein...was Sie da sagen, geht nicht... ‚Tiefland‘ ist die größte Oper...seit dem ‚Tristan‘.“Nun legte Joe los: Den ‚Tristan‘... mit seiner ewigen chromatischen Sinnlichkeit schenke ich Ihnen... aber er steht wenigstens auf einem höheren Niveau...“Das Gespräch wurde sehr hitzig. Es dauerte so lange, bis das beliebte Lied erklang: Nun hüll in die Mantille... fester dich ein.“, das alle Mädchen und Jünglinge erschauern ließ. Berni sagte: Wenn ihr nicht aufhört, dann gehe ich...“Sofort war Gustav ruhig. Ihm paßte die kalte Hundeschnäuzigkeit dieses Judenjungen überhaupt nicht, aber was sollte er machen? Als Bernis Freund mußte er eben diese naseweise freche Kreatur dulden...Sie sind Musiker, Herr de Vries, ich Laie...“Na, Mensch, Joe, das mußte doch sagen, so schlecht kann das doch nicht sein, das wird doch so viel gespielt.“Sogar in Amerika“, sagte Gustav.Joe sagte kein Wort mehr. Ihm kam es wirklich nicht darauf an, recht zu behalten oder den Banausen hier zu beweisen, daß diese Musik Dreck sei. Wenn er ihnen seine eigene Musik oder Schönberg vorspielen wollte, würden sie weglaufen.Man war schon einige Male die Georgstraße auf und ab gegangen. Die Sonne verschwand manchmal hinter Wolken, dann wurde es kühl.Hoffentlich gibt es keinen Regen... dann ist's aus mit Steinhude.“Wir haben ja ein Verdeck auf dem Wagen.“Also, Joe... kommst du mit?“Joe wußte es noch nicht. Er wollte nachher noch mal bei Gustav Ellebrecht antelefonieren. Die Musik hatte leichtere Töne angeschlagen. Der beliebte Walzer aus der Dollarprinzessin“ erklang; da war Berni in seinem Element, er summte mit und sagte: Mensch... ist das fein!“Joe gab ihm recht; aus Opposition gegen Gustav, der leichte Musik verabscheute.Sieh mal... die Kleine da...“Joe zeigte auf die gegenüberliegende Straßenseite. Da ging ein nettes dunkelhaariges Mädchen, sie sah aus wie eine Mulattin. Joe interessierte das.Das ist ja 'ne Negerin“, sagte Bernhard, komischer Geschmack...“Das ist keine Negerin“, behauptete Joe.Wollen wir die mitnehmen heute nachmittag...?“Na Joe, geh mal rüber.“Und Joe nahm allen Mut zusammen, ging auf die andere Straßenseite, zum Erstaunen seines Freundes Bernhard.Während er die Fahrstraße überschritt, vorsichtig rechts und links ausschauend, fühlte er die Blicke von Bernhard Tölle und Gustav Ellebrecht im Rücken.Da ging die junge Dame, schneller als die anderen Spaziergänger; er sah, wie sie von Zeit zu Zeit die rechte Hand zur Stirn führte, um eine Haarsträhne wegzuschieben. Die Bewegung rührte ihn. Nun war er hinter ihr.An der Ständehausstraße bog die junge Dame von der Georgstraße ab. Joe sah sich um, er hörte laut und dröhnend den Trauermarsch aus der ‚‚Götterdämmerung‘, die vernichtenden Schläge der Bässe, das herrliche kantige Aufbäumen der Melodie, er sah wie in einer Vision die lachenden Gesichter der Freunde, er zuckte die Schultern und ging hinter der Frau her, hinter dieser exotischen seltsamen Erscheinung...So 'n Kerl... verdammt. ..!“ sagte Berni. Gustav war zufrieden: Laß ihn... er ist ja doch zu feige.“Während dieses heiteren Spazierganges, während Joe in ein romantisches Abenteuer zu steigen schien, ging der Rechtsanwalt de Vries, aus Mußmanns Frühstücksstube kommend, die Bahnhofstraße hinunter. Am Cafe Kröpcke horchte er auf die Weisen der Militärkapelle, und sein Leben schien ihm etwas leichter...Will doch mal hinuntergehen, sagte er sich, und ging langsam, etwas verlegen vor sich hin lächelnd, auf der Sonnenseite der Georgstraße.Er hatte einen dunkelgrauen Anzug an und einen weichen Hut auf. Ihm war an diesem Sonntagmittag klargeworden, daß das Leben eine Realität sei, die nur illusionär sein könnte. Denn, so sagte er sich, es gibt nichts als meine Anschauung von den Dingen, die Dinge selbst sind gar nicht existent... Die süße Melancholie eines Frühlingstages hatte wohl an diesen Reflexionen schuld.Man grüßte den Rechtsanwalt hie und da. Na, was macht der denn auf der Georgstraße... komisch... nöch...?“So sprachen wohl einige und wunderten sich. Die kleinen Mädchen und jungen Herren aber nahmen keine Notiz von ihm. Nur ein blasser und dünner Mann in schlechtsitzendem Anzug stand plötzlich vor ihm. Es war genau vor den Anlagen, an der Freitreppe, dort, wo die Musik spielte und das dichteste Gewimmel war.Herr Doktor...!“De Vries sah auf: Ach... Herr Plümeke...“, er gab ihm die Hand. Aber der andere nahm sie nicht. Nervös sagte de Vries: Warum kommen Sie nicht in meine Sprechstunde... es gibt da doch Verschiedenes zu regeln.“Regeln... tjawoll...“, sagte Plümeke und sah sehr frech aus.Wollen wir ins Kröpcke gehen“, schlug de Vries vor, da können wir doch besser reden...“ Ihm war die Begegnung sehr unangenehm.Reden... reden... Herr Doktor... tja, das können Se...“ Plümeke übertönte mit seiner alkoholischen Zunge sogar die schöne Musik. Es war ein Choral, der da variationsmäßig gespielt wurde. Er hieß: Ich bete an die Macht der Liebe“.Schön klangen die Bläser, die Menschen waren alle sehr ergriffen...Also, Herr Plümeke... dann kommen Sie morgen zu mir.“ Der Rechtsanwalt wollte gehen, aber unglaublicherweise hielt ihn Plümeke am Arm.Sie bleiben hier ...!“ schrie er.Um Gottes willen, machen Sie doch keinen Skandal...!“ De Vries wurde zornig.Aber Otto Plümeke rührte sich nicht vom Fleck. Er starrte mit seinen blauen hervortretenden Augen dem Rechtsanwalt frech ins Gesicht und schrie mit seiner von verschiedenen lüttjen Lagen“ getrübten Stimme: Die Gerüchte... Herrrr... die Gerüch...te... Herr, in meinem Hause wol... len... nicht... ver... stum...“Und dabei schlug er mit der Rechten dem Rechtsanwalt ins Gesicht, daß der Kneifer zerbrach und de Vries blind und erschrocken dastand...Sofort war er umringt; die Menschen hielten den Attentäter an Armen und Beinen fest. Er schrie: Grete hat alles gestanden...“ Es war unbeschreiblich peinlich.Ein Herr mit gepflegtem Bart trat auf den Rechtsanwalt zu: Gestatten... Regierungsrat Grosse... darf ich Ihnen behilflich sein... war Zeuge... unglaublicher Kerl... sofort verhaften...“Grosse fuchtelte mit seinem Stock gegen Plümeke, bis der Schutzmann kam, der mit scharfen Augen die Lage überblickte.Hier war ein Herr der besseren Stände von einem Trunkenbold und käsigen Verbrecher überfallen worden.Der Regierungsrat Grosse schnarrte den Schutzmann an: Führen Sie den Mann ab...“Es geschah unter beifälligem Gemurmel der Zuschauer. Grosse faßte den Rechtsanwalt am Arm: Bitte“, sagte er, wir müssen die Personalien feststellen lassen... Sie sind doch nicht verletzt... Herr Doktor?“Nein... nur... mein Glas ist zerbrochen."Als der Herr Regierungsrat, begleitet von der Menge, den Herrn Rechtsanwalt behutsam die Straße hinunterführte, während der Verbrecher Plümeke von der starken Hand des Schutzmannes vorwärts gestoßen wurde, spielte die Militärkapelle den schönen Choral zu Ende.Ich bete an die Macht der Liebe...“ So stieg diese Melodie zum Himmel, sie tönte an das Ohr des Rechtsanwalts, der sich sehr elend fühlte. Alles war zu Ende... nun war es aus mit ihm... er war ein öffentlich geohrfeigter Anwalt... Gott im Himmel!...Die Musik war auf dem Höhepunkt der Variationen angelangt, die Hörner dröhnten, die Flöten jubilierten.Die Luft war erfüllt von Frühling und Sonne; die hübschen Menschen, die da fröhlich flanierten, hatten den dummen Zwischenfall bald vergessen; sie poussierten und schwatzten, waren guter Dinge und freuten sich ihres Lebens. |
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