Seitenpfad:

Youth and Youthwork – Chicago meets Augsburg

Internationaler Wissenschafts- und Praxisaustausch zu Jugend und Jugendarbeit an der THA

 
Sie haben den internationalen Wissenschafts- und Praxisaustausch zu Jugend und Jugendarbeit im Mai 2026 an der THA mit-konzipiert: (von links) Prof. Dr. Barbara Rink, Professorin für Sozialraumorientierung im Studiengang Soziale Arbeit an der THA, Prof. Aisha Griffith, Professorin an der University of Illinois Chicago, Prof. Clarissa von Drygalski, Studiengang Soziale Arbeit der THA, und Devin Swift, Youthworker des Chicago Youth Centers. Bild: THA
03.06.2026
Augsburg/Chicago

Zum dritten Mal in Folge fand im Mai 2026 an der Technischen Hochschule Augsburg (THA) ein mehrtägiger internationaler Wissenschafts- und Praxisaustausch zu Jugend und Jugendarbeit in Augsburg und Chicago statt. Im Rahmen der Lehrveranstaltungen „Sozialraumorientierung“ und „Partizipation und Empowerment“ im Studiengang Soziale Arbeit der THA diskutierten Lehrende, Studierende und Praxisexpertinnen und -experten aus beiden Ländern aktuelle Fragen rund um Jugend, soziale Ungleichheit und Jugendarbeit.

Beteiligt waren neben Professorinnen und Professoren der THA und der University of Illinois Chicago Expertinnen und Experten des Chicago Youth Centers sowie Fachkräfte aus der Stadtverwaltung Augsburg (Amt für Kinder, Jugend und Familie) und dem Stadtjugendring Augsburg (SJR). Initiiert, organisiert und koordiniert wurde der Expert:innenaustausch von Prof. Dr. Barbara Rink, Professorin für Sozialraumorientierung im Studiengang Soziale Arbeit an der THA.

 

Chicago gilt als ein Geburtsort der Gemeinwesenarbeit – geprägt durch Jane Addams und das Hull House – und besitzt daher eine besondere historische Bedeutung für die Soziale Arbeit. Gleichzeitig ist die drittgrößte Stadt der USA immer noch durch sozio-ökonomische Segregation geprägt. „Den Studierenden und den Fachkräften einen Einblick in die Lebensverhältnisse junger Menschen und in die Jugendarbeit in Chicago zu ermöglichen und dabei über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Jugendarbeit in Deutschland und explizit in Augsburg in den Austausch zu treten, war ein zentrales Ziel des Austausches. Im Spiegel des Anderen Strukturen, Herausforderungen und Stärken der eigenen Praxis zu erkennen, ermöglicht eine Erweiterung der Perspektive“, sagte Barbara Rink.    

Jugend und soziale Ungleichheit

Zum Auftakt führte Professorin Barbara Rink in die Jugendphase als eigenständige und prägende Phase in der Biographie eines Menschen ein. Die Zeit zwischen etwa 12 und 21 Jahren ist geprägt von intensiven biologischen, psychischen und kognitiven Entwicklungsprozessen. Sie geht zugleich mit hohen gesellschaftlichen Erwartungen einher. Diese drücken sich aus Perspektive der Sozialisationstheorie nach Hurrelmann und Quenzel (2022) in den sogenannten „Entwicklungsaufgaben“ aus. Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit aber auch einer sozialen Identität steht im Fokus.

Jugend in Deutschland und in den USA ist zugleich durch Diversität geprägt, die sich beispielsweise in dem sozioökonomischen Background, dem Gesundheitsstatus aber auch in divergierenden Interessen, Bedarfen und Weltsichten unterscheidet. Zudem sind die Chancen der jungen Menschen ungleich verteilt; soziale Ungleichheit wirkt sich in dieser Phase massiv auf junge Menschen aus. Sie beeinflusst, wie sie die Jugendphase durchlaufen und inwiefern es ihnen gelingt, die gesellschaftlichen Erwartungen, wie z. B. die schulische und erste berufliche Qualifizierung zu erreichen. Ganz aktuell belegt die UNICEF Innocenti Report Card 20 „Unequal Chances. Children and economic inequality“ (Mai 2026) erneut – so Prof. Rink, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Einkommen bzw. dem sozioökonomischen Status eines Haushaltes und dem Bildungserfolg bzw. dem Gesundheitsstatus von Kindern und Jugendlichen gibt. Dies gilt sowohl für Deutschland als auch die USA.

Youthwork in Chicago und Offene Jugendarbeit in Augsburg sind gezielte Ansätze, um junge Menschen in ihrer Entwicklung zu fördern und zu unterstützen. Dennis Galanti (Leitung Abteilung Jugend, AKJF Augsburg), führte in den gesellschaftlichen und politischen Kontext von Jugendarbeit in Deutschland ein und zeigte auf, dass die Förderung junger Menschen sowohl im Kinder- und Jugendstärkungsgesetz als auch im SGB VIII gesetzlich verankert ist, aber auch die von Deutschland unterzeichnete UN-Kinderrechtskonvention jungen Menschen ein Recht auf Teilhabe im Sinne des Zugangs zu Bildung aber auch der Teilnahme im Sinne von Mitbestimmung zuweist. So erfuhren die Gäste aus Chicago und die Studierenden, dass die kommunale Ebene in Deutschland eine der zentralen Ebenen ist, um die Gesetze und Vereinbarungen umzusetzen. Dennis Galanti erörterte die Steuerungs- und Kontrollfunktion auf Seiten des AKJF und zugleich die Notwendigkeit der Kooperation mit Freien Trägern wie dem Stadtjugendring Augsburg, der neben anderen für die operative Umsetzung zuständig ist. Auch gab er einen Einblick in die Finanzierung der Offenen Jugendarbeit.

Youthwork and Positiv Youth Development

Durch Aisha Griffith, Professorin an der University of Illinois Chicago, erfuhren die Gäste und Studierenden der THA mehr über die Lebensbedingungen von jungen Menschen in Chicago. Sie stellte den Ansatz des „Positiv Youth Development“ vor, der insbesondere auf Vertrauensaufbau, Beziehungsarbeit und die Stärkung individueller Ressourcen setzt. In ihrer Forschung untersucht Prof. Griffith u.a. die Bedeutung von Vertrauen zwischen Fachkraft und jungen Menschen. Dieses Vertrauen bildet die Grundlage für gelingende Unterstützungsprozesse und nachhaltige Entwicklungsförderung.

Erfahrungen aus der Praxis 

Im Folgenden zeigten Devin Swift, Youthworker des Chicago Youth Centers und Tanja Friedrich, Regionalleitung West Offene Jugendarbeit (Stadtjugendring Augsburg), aus ihrer praktischen Erfahrung auf, wie Vertrauensaufbau und professionelle Beziehungsarbeit konkret vor Ort in den jeweiligen Jugendzentren realisiert werden. Trotz unterschiedlicher struktureller Rahmenbedingungen zeigten sich viele Gemeinsamkeiten – Begegnung auf Augenhöhe und Authentizität im Umgang mit jungen Menschen sind nur zwei Beispiele.

Praxisvergleich: Chicago Youth Centers und Stadtjugendring Augsburg

Am zweiten Tag fand der Expert:innenaustausch in einer Einrichtung der Offenen Jugendarbeit – in dem Jugendhaus fabrik in Lechhausen (Stadtjugendring Augsburg) statt. So hatten die Studierenden und die Expert:innen aus Chicago die Gelegenheit sich nicht nur durch Vorträge und Diskussionen mit dem Thema (Offene) Jugendarbeit zu beschäftigen, sondern auch einen direkten Einblick vor Ort zu erhalten. Dominik Rankl, Leitung der Offenen Jugendarbeit des SJR, stellte zunächst die Struktur des Stadtjugendrings dar und erläuterte die besondere Funktion der Jugendringe in Bayern. Markus Neumann, Regionalleitung Ost und auch Leitung des Juzes fabrik, informierte über die Prinzipien der Offenen Jugendarbeit und die praktische Umsetzung vor Ort.

Digital zugeschaltet waren zudem Tina Ayala (Geschäftsführung Chicago Youth Centers) und Piotr Lewicki (Qualitätssicherung CYC / Hilfen zur Erziehung). Die Teilnehmenden lernten die Struktur von Chicago Youth Centers kennen und deren Bedeutung vor allem für junge Menschen, die in Stadtteilen leben, die stärker von Armut und Arbeitslosigkeit geprägt sind. Anders als in Deutschland erfolgt die Finanzierung dort zu einem erheblichen Teil über Spenden und Sponsoring. Anschließend an die Einführung in die strukturellen Rahmenbedingungen stellte Devin Swift die verschiedenen Angebote und Programme von CYC vor. Überraschend war für die Studierenden und Fachkräfte, dass CYC – „Chicago Jugendzentren“ – nicht nur Jugendarbeit anbietet, sondern schon in der frühkindlichen Bildung ansetzt, Adressat:innen bis ins junge Erwachsenenalter begleitet und neben der Jugendarbeit auch Hilfen zur Erziehung anbietet. In den Jugendzentren Augsburg wird die Offene Jugendarbeit fokussiert und teilweise werden auch Programme im Rahmen von Ganztagsbildung angeboten.

Devin’s größte Erkenntnis war: „Despite the time difference and the structural differences between Chicago and Augsburg, the conversations I had with SJR staff made it clear that what truly connects us is our shared passion for youth development and our commitment to helping young people become their best selves. That alignment was evident in the youth workers and the leadership. Whether it’s providing youth with a meal and engaging in family‑style dining, elevating youth voice to strengthen programming, or giving young people the skills and space to lead and organize projects, both of our cities are working toward the same goals.”

Dominik Rankl nimmt aus dem Austausch vor allem mit, „dass die strukturellen Bedingungen der Finanzierung von Jugendarbeit sehr unterschiedlich sind und jeweils eigene Vor- und Nachteile mit sich bringen. Während es in den USA deutlich einfacher ist, größere Mittel über persönliche Spenden und Sponsoring zu generieren, profitieren wir in Deutschland davon, dass Jugendarbeit in der Regel verlässlich öffentlich gefördert wird – wenn auch nicht immer ausreichend.”

Internationale Perspektiven erweitern den Blick

Der Austausch zwischen Chicago und Augsburg zeigt, wie gewinnbringend internationale Kooperationen in der Lehre sein können. Studierende erhielten nicht nur theoretische Impulse, sondern auch praxisnahe Einblicke in unterschiedliche Systeme der Jugendhilfe. Der Blick auf das „Andere“ ermöglichte es, eigene Strukturen, Stärken und Herausforderungen neu zu reflektieren. Internationale Vernetzung, wissenschaftlicher Diskurs und praxisnahe Auseinandersetzung – der Austausch „Chicago meets Augsburg“ verbindet all diese Dimensionen und stärkt die Ausbildung zukünftiger Fachkräfte der Sozialen Arbeit.

Aisha Griffith beschreibt ihre Erfahrung folgendermaßen: „It was important to me to learn more about youth development beyond the U.S. In my research, I focus a lot about teens and the adults who make their lives better, but I did not know the full picture because I was limited in what that looks like in the U.S. Now, I can bring this knowledge to my students. I hope that I can include one week in my class in the Fall where we think about youth development more broadly in terms of the open youth work and social codes piece. I have a few takeaways for me: in general, it was amazing being in space with your students, at the centers, and in the City Children, Youth and Family Office. I learned that funding structures and political structures matter for supporting the people doing the important work with our youth. Seeing how this plays out internationally is important for envisioning new possibilities. Finally, youth voice and youth participation in decisions is powerful not just for young people but for the rest of society.”

Devin fasst seine Erfahrung wie folgt zusammen: „For me, participating in the exchange was important because I’ve always been curious about what youth development—especially after‑school programming—looks like outside of the United States. I was excited for the opportunity to visit a youth center in another country, and I felt humbled and grateful to be considered a ’practicing expert’ in the field and to share my lived experience. I look forward to our continued cooperation.”

Für Dominik Rankl schärft der Austausch das Bewusstsein für neue, teils scheinbar einfache Lösungsansätze in der Praxis und bestärkt die Gewissheit, dass gute Beziehungsarbeit, Vertrauensbildung und die Menschen hinter den Angeboten das zentrale Element für gelingende Jugendarbeit sind – neben Jugendpartizipation. Zudem entstehen internationale Beziehungen, aus denen sich perspektivisch weitere gemeinsame Projekte entwickeln können.

Die Kooperation wird weitergehen, da sind sich alle einig, auch Tina Ayala (President and CEO CYC): „Chicago Youth Centers is excited to continue our international exchange program with Technical University of Applied Sciences Augsburg. This exchange has allowed our staff to explore the differences and similarities of youth work and social work across the world. We have learned so much from this rich cultural exchange.“

Wissenschaftlicher Impuls zum Abschluss

Unabhängig dieses Fachaustausches bildete den Abschluss des Besuches an der THA ein Vortrag von Prof.in Griffith zum Thema „The Black Girl RISES Project: Centering Black Adolescent Girls' Voices on School Staff’s Differential Treatment in the U.S.“ im Rahmen einer Lehrveranstaltung von Prof. Clarissa von Drygalski, Studiengang Soziale Arbeit an der THA. Dabei wurden die Ungleichheitsbehandlungen weiblicher Schwarzer Jugendlicher in den USA diskutiert.

 

Weiterführende Informationen

 

Hurrelmann, K., & Quenzel, G.  (2022). Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung (14. Aufl.) Juventaverlag. 

UNICEF Office of Strategy and Evidence – Innocenti (2026). Unequal chances: Children and economic inequality, Innocenti Report Card 20. Download: https://www.unicef.org/innocenti/media/8521/file/UNICEF-Innocenti-Report-Card-20-2026.pdf

UNICEF (2026). Ungleiche Chancen – Wie das Einkommen der Eltern die Chancen der Kinder beeinflusst. Eine Studie des UNICEF-Forschungsinstituts Innocent. Deutsche Zusammenfassung der Report Card 20.  Download: https://www.unicef.de/informieren/materialien/empfehlungen-kindliches-wohlbefinden/397604

Die Partner

 

Stadtverwaltung Augsburg

Amt für Kinder, Jugend und Familie

Homepage (extern)

University of Illinois Chicago

Homepage (extern)

 

Stadtjugendring Augsburg (SJR)

Homepage (extern)

Chicago Youth Centers

Homepage (extern)

Kontakt