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Im Turm

Eine „Blaupause“ der Technischen Hochschule Augsburg

 
Studierende schleifen Turmfenster ab
11.06.2026
Zwischen Schleifgeräuschen und Kaffeeduft erwacht ein fast vergessener Turm in Augsburg zu neuem Leben: Wo 15 Jahre lang Stillstand herrschte, arbeiten heute Studierende, Forschende und Nachbarn gemeinsam an einer ungewöhnlichen Vision. Mit kreativen Low-Key-Sanierungen, einem offenen Denkmal-Café und viel Eigeninitiative wird das denkmalgeschützte Gebäude Schritt für Schritt reaktiviert – und zum lebendigen Reallabor für nachhaltige Baukultur.

Hereinspaziert in das kühle Gemäuer

 

Mittwochnachmittag, 27. Mai, entspannte 27 °C, Mittagstief – beim Rückweg vom Mittagessen, ziemlich auf halber Strecke zwischen dem Campus am Roten Tor und dem Campus am Brunnenlech, vernimmt man schon in der Baumgartnerstraße Schleif- und Hämmergeräusche, auch ein angenehmer Kaffeeduft liegt in der Luft. Folgt man der Duftwolke und den Geräuschen durch das offene Eisentor in das Innere des Turmbaus, wird man schnell fündig: Im Erdgeschoss bearbeiten zwei Studierende die Fensterrahmen mit Schleifgeräten, zwei weitere fachsimpeln bei einer kurzen Espressopause über die nächsten Baumaßnahmen. Auch im noch einigermaßen kühlen Lehrsaal im zweiten Obergeschoss wird fleißig gearbeitet: Im Rahmen einer Summerschool zur Sanierung alter Holzkastenfenster, mit fachlicher Unterstützung eines Schreinermeisters, werden die alten Fenster denkmalgerecht wieder hergerichtet.

Dass sich wieder so viele Menschen in diesem hundert Jahre alten Bauwerk aufhalten und arbeiten, ist keineswegs selbstverständlich. Der 1926 errichtete, denkmalgeschützte Wohn- und Betriebsturm der Stadtwerke Augsburg stand die vergangenen 15 Jahre komplett leer, seit der Jahrtausendwende fand in dem Lehrsaal im zweiten Obergeschoss kein Fahrschulbetrieb mehr statt. Heute ist der Turm Reallabor der Technischen Hochschule Augsburg, und in den Räumen des zweiten Obergeschosses wird wieder „unterrichtet“ – wenn auch in etwas anderer Art.

abgeschliffenes Fenster

GreenHeritage360°: Forschung im Maßstab 1:1

 

Den wissenschaftlichen Rahmen liefert das Projekt GreenHeritage360°, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt im Rahmen des Programms DATIpilot. Geleitet wird es von Marina Nieberle und Theresa Haase (TH Augsburg) in Kooperation mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege; federführend ist der Studiengang Energieeffizientes Planen und Bauen an der Fakultät Architektur und Bauwesen. Statt Abriss oder kostspieliger Vollsanierung verfolgen die Stadtwerke Augsburg als Eigentümerin und die TH Augsburg gemeinsam einen anderen Weg: eine sukzessive Low-Key-Sanierung bei gleichzeitiger Zwischennutzung. Reversible Eingriffe, Wiederverwendung von Bauteilen, punktuelle Brandschutz- und Statiknachweise – das Gebäude wird vor dem weiteren Verfall bewahrt, indem es genutzt wird, Schritt für Schritt. Träger der praxisnahen Aktivitäten ist der Förderverein der Hochschule, das Institute for Energy Efficiency and Design e.V. (IEED e.V.), unter dem Vorsitz von Prof. Dr.-Ing. Christian BauriedelProf. Dr.-Ing. Wolfgang Nowak und Prof. Dr. Dirk Jacob.

Studentin legt Bestandsoberflächen Schicht für Schicht frei
Behutsame Sondierung: Bestandsoberflächen werden Schicht für Schicht freigelegt.

DesignBuild: Studierende greifen zum Werkzeug

 

Im Sommersemester arbeitet das Fachwahlpflichtmodul „DesignBuild: SWA-Turm“ unter Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Nowak direkt im Gebäude. Bis zu 20 Studierende planen, dimensionieren und setzen technische Systeme um. Schwerpunkt diesmal: Gebäudetechnik, Stromversorgung und Heizungskonzept. Vom Entwurf bis zur Ausführung am realen Objekt: Heizkörper werden ausgebaut und für die Wiederverwendung sortiert, Wände freigelegt, Putzflächen sondiert. Bauen wird zur Lehrmethode – mit allen Aushandlungsprozessen, die ein echter Bestand mit sich bringt.

Lehre im Turm mit Prof. Nowak

Denkmal-Café: ein Wohnzimmer für das Quartier

 
Der Café-Raum mit Stampflehm-Bartheke und Upcycling-Möbeln.
Der Café-Raum mit Stampflehm-Bartheke und Upcycling-Möbeln.

Parallel ist im Erdgeschoss das Denkmal-Café entstanden – ein bereits im vergangenen Sommersemester studentisch initiiertes Projekt von 19 Studierenden, die in Teams die Bereiche Interieur, Technik & Wasser, Organisation und Marketing erarbeitet haben. Eine Exkursion zur Münchner Materialinitiative „Treibgut“ lieferte Inspiration, und gemeinsam mit dem Lehmbauexperten Jan Glasmeier entstand eine Bartheke aus Stampflehm. Die Möbel stammen aus alten Hochschulpaletten, einer Ebay-Küche der 60er-Jahre und Gerüstbohlen der Firma Holzbau Hillebrand aus Gersthofen – alles soll schon einmal genutzt worden sein, wie das Gebäude selbst. Betrieben wird das Café ehrenamtlich auf Spendenbasis – geöffnet für Studierende, für die Nachbarn aus dem gegenüberliegenden Seniorenheim, für die Bewohner:innen der Geflüchtetenunterkunft, für Familien aus Kindergarten und Grundschule. Ein Ort ohne Konsumzwang, an dem ein Quartier zusammenfindet.

 

Aktuell ist mittwochs von 13 bis 15 Uhr geöffnet – die Öffnungszeiten erweitern sich Schritt für Schritt.

Ein Turm, viele Partner

 

Was dem Projekt seine besondere Tiefe gibt, ist die fakultäts- und studiengangsübergreifende Zusammenarbeit, die der Studiengang Energieeffizientes Planen und Bauen bündelt. Innerhalb der Fakultät Architektur und Bauwesen sind die weiteren Bau-Studiengänge – Architektur, Bauingenieurwesen und der neue Digitale Baumeister – als Partner eingebunden. Mit der Fakultät für Gestaltung arbeiten Prof. Carolin Jörg (Künstlerisches Gestalten) und Prof. Maurice Göldner (Schrift) an Identität und gestalterischen Interventionen – vom Branding des Cafés bis zur Ausstellungsarchitektur. Die Fakultät für Angewandte Geistes- und Sozialwissenschaften ist über Prof. Dr. Martin Stummbaum eingebunden, der ästhetische und partizipative Workshops im Turm durchführt und so den Blick auf Nachbarschaft, Teilhabe und die soziale Dimension von Stadtentwicklung einbringt. Architektur, Bauingenieurwesen, Gestaltung, Soziale Arbeit – viele Disziplinen, ein Gebäude.

Gruppenfoto Studierende

PLAN|B: Die Blaupause wird übertragbar

 

Was im Turm erprobt wird, soll künftig wissenschaftlich systematisiert und auf andere Standorte übertragen werden. Unter dem Titel PLAN|B – Blaupause zur Reaktivierung historischer Verkehrsbauten haben das Bayrische Landesamt für Denkmalpflege, die TH Augsburg, das IEED e.V. und die Deutsche Bahn einen Förderantrag eingereicht. Er untersucht den Augsburger Turm und den Bahnhof Augsburg-Oberhausen vergleichend und soll Strategien für 50 bis 80 ähnliche Bahnhofsgebäude allein in Bayern entwickeln. Aus dem einzelnen Pilotprojekt soll so eine übertragbare Methode werden – der Turmbau als „Blaupause“ für die vielen vergessenen Infrastrukturbauwerke. Der Name ist dabei Programm: Bei der Bestandsaufnahme wurde der bauzeitliche Farbton wiederentdeckt – ein kräftiges Blau.

Noch trägt der Turm nicht das kräftige Blau seiner Erbauungszeit. Aber durch die ersten frisch restaurierten Holzkastenfenster fällt schon wieder Licht in den alten Lehrsaal, und im Erdgeschoss dampft der Kaffee. Genau darin liegt die Idee: Der Turm wird bewahrt, indem er genutzt wird – Schritt für Schritt, Fenster für Fenster. Und wer das nächste Mal in der Baumgartnerstraße den Schleifgeräuschen und dem Kaffeeduft folgt, ist herzlich eingeladen, selbst einen Blick hineinzuwerfen – am besten bei einem Cappuccino.

 

Ansprechpersonen

Marina Nieberle

Theresa Haase