HOSPITAL [ITY]
Ein Gastgeber für die Stadt Memmingen

Studiengang
Architektur (M.A.)Projektbeschreibung
Mit der Verlagerung des Klinikums Memmingen an einen neuen Standort außerhalb des Stadtzentrums verliert der innerstädtische Komplex an der Bismarckstraße bis 2029 seine Funktion als medizinische Einrichtung. Das Ensemble umfasst ca. 43.700 m² und bindet 10.248.455 kg CO₂-Äquivalente, ein erhebliches Potenzial für eine nachhaltige Nachnutzung durchWeiterbauen statt Abriss.
Städtebauliche Maßnahmen
Der Komplex liegt zwischen Memminger Altstadt, den westlichen Sportanlagen und den benachbarten Berufsschulen. Trotz dieser zentralen Lage war das Areal bislang kaum mit seinem urbanen Umfeld verknüpft: Ein monozentraler Hauptzugang an der Bismarckstraße, der dem öffentlichen Raum keine einladende Haltung entgegenbringt.

Der Entwurf begreift den Komplex als neuen Knotenpunkt innerhalb bestehender Bewegungsnetze. Durch gezielte Öffnungen und Durchwegungen wird das Areal als verbindendes Element in das Stadtgefüge integriert. Die „Grüne Wiege" erschließt den verschachtelten Gebäudebestand als begrünter Verbindungsraum entlang der Achse zwischen Altstadt, Sportanlagen und Berufsschulen.

Die monofunktionale Eingangssituation wird durch ein System von Erschließungsclustern ersetzt, die unterschiedliche Grade von Öffentlichkeit als Begegnungszonen definieren: eine öffentliche Zone entlang der Bismarckstraße und abgestufte halbprivate Schwellen zur angrenzenden Wohnbebauung.
Funktionsverteilung: Ein Gastgeber für die Stadt Memmingen

Unter dem Titel „Hospitality" wird das ehemalige Krankenhaus in ein offenes, belebtes, gemischt genutztes Wohnquartier transformiert. Der Entwurf greift die ursprüngliche Idee des historischen Hospitals als Ort der Fürsorge, Gemeinschaft und Unterstützung auf und übersetzt sie in ein zeitgemäßes Programm.
Die Erdgeschosszonen öffnen sich zur Stadt und werden mit öffentlich zugänglichen Nutzungen aktiviert: Gastronomie, Veranstaltungsflächen und kleinteiliger Einzelhandel schaffen Aufenthaltsqualität und stärken den Bezug zum städtischen Raum. Ergänzt wird das Angebot durch Bildungs- und Gesundheitsnutzungen: Seminar- und Unterrichtsräume, Arztpraxen und eine Apotheke.
Die Obergeschosse nehmen ein vielfältiges Wohnspektrum auf, das je nach Bedarf flexibel angepasst werden kann: neben Berufsschülerwohnen und Mikroapartments auch größere Einheiten für verschiedene Haushaltstypen sowie gemeinschaftliche Modelle wie Clusterwohnen. Altersgerechte Wohnformen, vom selbstständigen Wohnen im Alter bis zum demenzgerechten Wohnkonzept, erweitern das Angebot.
Der Baukörper von 1989 erweist sich aufgrund seiner radialen Erschließungsstruktur als besonders geeignet für demenzgerechtes und betreutes Wohnen, da diese kognitive Aktivität und räumliche Orientierung der Bewohner gleichermaßen fördert.
Konstruktion, graue Energie und energetische Ertüchtigung


Der zwischen 1955 und 2016 in 18 Bauphasen gewachsene Komplex vereint unterschiedliche Tragwerksysteme: Die Ursprungsbauten aus den 1950er bis 1970er Jahren wurden überwiegend in monolithischer Schottenbauweise errichtet; der höchste Baukörper von 1970 (ca. 25 m) als Stahlbetonskelett, die weiteren Bauteile als Stützen-Decken-Konstruktionen. Die Wohnungsgrundrisse reagieren auf den Bestand der jeweiligen Tragwerksarten, sodass nahezu keine Eingriffe in die Tragstruktur erforderlich sind.
Zusätzlich werden die Fassaden transformiert, um einerseits kommunikativer gegenüber dem Stadtbild zu erscheinen und gleichzeitig auf den aktuellen energetischen Standard gebracht zu werden. Die Ertüchtigung funktioniert über vorgefertigte Holzrahmenbauelemente.
Bestehende Bauteile wie Fenster, Jalousien, Metallfassadenelemente sowie Ziegel werden dabei wiederverwendet und in die neue Fassadenhülle integriert, insbesondere in Schwellenbereichen wie Studios, Werkstätten und Gemeinschaftsräumen.

Im Rahmen des Transformationsprojekts HOSPITAL[ITY] wird durch den Erhalt des Bestands sowie die Wiederverwendung von Bauteilen und Materialien eine Emissionslast von rund 7.659.052 kg CO₂-Äq. aus Herstellung und Entsorgung vermieden, etwa 75 % der im Bestand gespeicherten Gesamtenergie, die bei einem vollständigen Neubau erneut entstanden wären.
Neue Identität und Orientierung


Die Formensprache greift Elemente der Postmoderne auf und bildet einen bewussten Gegenpol zum funktionalistischen Modernismus, aus dem das Krankenhaus ursprünglich hervorging. Monumentale Geometrien und gezielte Öffnungen, etwa Rundfenster, verleihen der Architektur neue räumliche Präsenz, Bedeutung und Licht. Ziel ist es, die emotionale Last der ehemaligen Klinik aufzulösen und die Wahrnehmung des Gebäudes grundlegend neu zu rahmen.
Zusätzlich markieren die monumentalen Formen Zugangspunkte, Eingänge und Gemeinschaftsbereiche und unterstützen die räumliche Lesbarkeit des Komplexes. Kastanienrot, als symbolische Farbe für öffentliche und gemeinschaftliche Bereiche, referenziert bewusst die Klinkerfassade des Ursprungsbaus von 1955.
Die abgestuften Grade von Privatheit und Öffentlichkeit spiegeln sich auch im Innenraumkonzept wider: Experimentell entwickelte Recyclingterrazzoböden aus Ziegelbruch, Glas, Keramik ehemaliger Sanitärobjekte und Bestandsfliesen symbolisieren den Öffentlichkeitsgradienten. Kontrastreiche ziegelrote Töne des Terrazzos in Bewegungs- und Gemeinschaftszonen stehen ruhigeren Farbkombinationen in Rückzugsbereichen gegenüber.
Wände aus Recyclingmörtel und Lehm schaffen ein vielfältiges taktiles Materialrepertoire, das zugleich Orientierung, insbesondere in den Demenzwohnbereichen, und Atmosphäre erzeugt.
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