„Durch den Einsatz nachwachsender Rohstoffe wie Holz in Kombination mit modernsten Materialen wie Carbonbeton und neuen Herstellungsverfahren setzt die Brücke Maßstäbe in puncto Innovation, Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit“, sagt Prof. Dr.-Ing. Sergej Rempel.
Die 73 m lange und 4 m breite Brücke verbindet die Stuttgarter Stadtteile Neugereut und Steinhaldenfeld. Die obere Wegplatte aus Carbonbeton schützt den Holzträger darunter vor Witterungseinflüssen und ist für den Lastabtrag zuständig. Gleichzeitig bringen die einzelnen Materialkomponenten ihre positiven Eigenschaften jeweils optimal zur Geltung: Holz die hohe Zug- und Carbonbeton die hohe Druckfestigkeit.
Die Brücke überspannt darunter verlaufende Verkehrswege mit zwei Hauptöffnungen. Die in Brückenmitte angeordnete V-förmige Mittelunterstützung ermöglicht Einzelstützweiten von ca. 31 – 8 – 31 m. Der Überbau der integralen Brückenkonstruktion besteht im Bereich des positiven Feldmoments aus einem Holz-Beton-Verbund-Querschnitt (HBV), so dass die positiven Eigenschaften der unterschiedlichen Baumaterialien voll ausgeschöpft werden. An den beiden Brückenenden und im Bereich der Mittelstützung wurde der Überbau aus Carbonmattenbewehrungen (3,4 m x max. ~15,0 m) mit einer Gesamtmenge von etwa 1,5 t als einstegiger Plattenbalken mit schlanken Kragarmen und Gesimsen ausgeführt. Auf eine zusätzliche Oberflächenbeschichtung wurde verzichtet, was besonders hohe Anforderungen an die zulässigen Rissbreiten von maximal 0,15 mm erforderte.
Ergebnisse als Teil der DAfStb-Richtlinie
Die Brücke wurde nach der vom Deutschen Ausschuss für Stahlbeton (DAfStb) neu eingeführten DAfStb-Richtlinie für nichtmetallische Bewehrung in Ortbetonbauweise geplant und errichtet. „Für die Umsetzung dieser neuartigen Bauweise und die Verwendung bauaufsichtlich noch nicht geregelter Materialien war eine vorhabenbezogene Bauartgenehmigung für die nichtmetallische Bewehrung sowie eine Zustimmung im Einzelfall für die Ver- und Anwendbarkeit einer Reihe von Bauprodukten erforderlich“, erläutert Timo Krämer, Leiter Brückenabteilung beim Planer Harrer Ingenieure.
Zur Übertragung der Schubkräfte des HBV-Trägers wurden erstmals stabförmige Carbonschubbügel eingesetzt. Die Versuchsreihen zeigten eine hohe Tragfähigkeit und noch statisches Potenzial zur Effizienzsteigerung. Dies wird in die DAfStb-Richtlinien aufgenommen. Eine weitere Innovation: Die Querkräfte aus dem Holzträger wurden über nichtmetallische GFK-Combarstäbe mit einer Kopfausbildung in die Massivplatte hochgehängt.
Teamwork
Für den Neubau der Brücke wurden Expertisen aus Baupraxis und -forschung gebündelt. Zu den beteiligten Projektpartnern zählen das Tiefbauamt der Landeshauptstadt Stuttgart (Bauherr und Projektleitung), die Harrer Ingenieure GmbH, Ostfildern‐Nellingen (Planung Brückenbauwerk), die Wolff & Müller Ingenieurbau GmbH, Stuttgart (Bauausführung), Hitexbau GmbH, solidian GmbH und Schöck Bauteile GmbH (Bewehrungshersteller), die Technische Universität Dortmund sowie die Technische Hoschschule Augsburg (Forschung zu Carbonbeton am TTZ Aichach).
Preise und Auszeichnungen
Die Fuß- und Radwegbrücke über den Seeblickweg in Stuttgart ist Teil der Internationalen Bauausstellung 2027 – IBA’27 in der Stadtregion Stuttgart, gelistet als Projekt 173.
Das Bauwerk wurde von der International Association of Bridge and Structural Engineering (IABSE) im Rahmen der IABSE Awards 2025 ausgezeichnet und erhielt in der Hauptkategorie „Project and Technology Awards” in der Unterkategorie „Innovation in Construction” den „Commendation Preis”. Die Preisverleihung fand am 14.11.2025 in Zürich statt.